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Geht das überhaupt – nicht  auf Kosten der Umwelt und anderer Weltregionen leben ?
(Ein Text Jochen Menzel)

Ich will es testen.  Bedingung: kein Einsiedler- oder Asket-Dasein. Und trotzdem möglichst wenig Rohstoffe und Energie verbrauchen, Umweltbelastungen vermeiden und mich entwicklungspolitisch „korrekt“ verhalten. Auf geht’s:

Mit dem Wecker fängt es schon an: Statt Strom zu fressen, müsste er Solarzellen haben oder aufziehbar sein – und trotzdem absolut zuverlässig und lautlos ticken , gibt es das ? Die Morgentoilette: 3 Liter Wasser im Waschbecken statt Dusche (ca. Faktor 10). Immerhin ist der Stoff der Hamburger Wasserwerke Tiefengrundwasser, das nur eine bestimmte Entnahmemenge verträgt, ohne zu versalzen. Klo-Spülung ist bereits „bedarfsgerecht“ dimensioniert. Das Rasieren ?! Gibt es Ökobilanzvergleiche zwischen Nass- und Trockenrasur ? Über Kosmetika brauche ich wenigstens nicht nachzudenken.


Kleidung ist Stil- und Geldfrage,  Ex- und Hopp-Mode nicht zukunftsfähig. Also lieber zeitlos gediegen und haltbar, statt über Altkleidersammlungen das einheimische Bekleidungsgewerbe in Afrika zu ruinieren. Heute also etwas älteres auftragen – und das Sakko mit eingerissenem Futter herauslegen für den Änderungsschneider.

Das Frühstück. Der Kaffee ist „fair gehandelt“, um mit „gerechten“ Preisen eine Bauernkooperative in Südamerika zu fördern. Mein Vorurteil gegen den Geschmack ist völlig unbegründet. In mein Getreide-Müsli schneide ich heute (wohl oder übel) einheimische Äpfel statt Südfrüchte, die viel Transportenergie kosten. Brot, Eier von freilaufenden Hühnern, Käse und Milch kommen – das unterstelle ich jetzt einmal – aus dem Umland. Warum eigentlich nicht vom Wochenmarkt ? – ein guter Vorsatz. Beim Fruchtjogurt wird es kritisch: Pfandglas aus Süddeutschland oder Plastikbecher aus Niedersachsen?


Auf ins Büro ! Für die über 10 km nehme ich das Fahrrad. Hält fit, ist leise, verbraucht keine Energie und hinterlässt kein CO2  – ein wirklich zukunftsfähiges Verkehrsmittel !  Der Buckelpisten-„Radweg“ der Bebelallee ist beim Blick von der Krugkoppelbrücke auf die pastellfarbene morgendliche Alster bereits vergessen. Nur 5 Minuten länger als mit dem HVV und vielleicht 10 Minuten länger als mit dem Auto brauche ich für den Weg. Der Kreislauf ist in Schwung, das Schwitzen ein Nachteil. Das Portemonnaie dankt es. Übers Jahr würde ich über 1000 DM für die HVV-Karte sparen und Entfernungspauschale gibt es jetzt auch noch.

Für die paar Schritte von der Haus- zur Bürotür im Erdgeschoss kann ich auf die Hausflurbeleuchtung über 4 Etaqen verzichten. In meinem Arbeitszimmer mache ich nur die Energiespar-Schreibtischleuchte von 11 Watt an statt der üblichen „Festbeleuchtung“ von 8 Leuchtstoffröhren à 38 Watt (Faktor 27).  Die Büroarbeit mit PC, E-Mail und Internet könnte weitgehend ohne Papier auskommen – wäre da nicht die Pflicht zur Aktenführung und Belegsammlung. Wenigstens nimmt der Drucker Recycling-Papier, das bis zu 90 % weniger Wasser und Holz und 50 % weniger Energie braucht. Ein Ökobilanzvergleich zwischen dem Akten-Büro 1980 und dem stromfressenden EDV-Büro 2000 würde mich interessieren.


Kantinenessen. Heute mal die fleischlose Variante. Nicht nur zum Wohle meiner Blutfette und wegen BSE, Schweinepest, Hormonfleisch usw. Das Kraftfutter für die hiesige Viehmast wird zum großen Teil aus fernen Kontinenten hierher transportiert und belegt dort Böden,  die für die einheimische Versorgung fehlen. Um eine Fleisch-Kalorie zu erzeugen, sind überdies 7-9 Pflanzenkalorien als Futter nötig. Die vegetarische Raffinesse meiner Mahlzeit hält sich allerdings in Grenzen – es muss nicht jeden Tag sein.

In der Mittagspause erkundige ich mich im Reisebüro nebenan nach „alternativen“  Urlaubsangeboten: Segeltörn auf der Ostsee, kombinierte Paddel-/ Fahrradtour durch die mecklenburgische Seenplatte, Wandern im Mittelgebirge, Kanufahrt in Südschweden, der Elbe-Radweg von Hamburg nach Dresden. Natur und Bewegung statt Süden, Sonne und Highlife ? Ich bin unschlüssig. Käme auf einen Versuch an – und auf das nordeuropäische Wetter (und auf meine Miturlauber). 

Nach dem Büro noch ein kleiner Einkauf im Lebensmittelladen in meiner Nachbarschaft. Er hat keine Aldi-Preise, aber es würde mir etwas fehlen, wenn er pleite ginge: nämlich freundliches Personal, ein kurzes Schwätzchen und auch mal eine Extra-Bestellung nach meinen Wünschen. Ich bekomme biologisch angebaute Kartoffeln und Möhren und meinen Transfair-Kaffee. Obst und Gemüse frisch und ohne Pappe und Folie. Dies alles und die Nähe zur Wohnung sind mir wichtig. Auch „soziale Zukunftsfähigkeit“ hat eben ihren Preis.


Zuhause steht noch das Geschirr der Familie vom Tage. Maschine oder Bürste ? Die 16 Liter Wasser und 1,4 kWh Strom, den unsere neue Spülmaschine verbraucht, kann ich mit Hand-Abwasch (7-8 mal) wohl nicht unterbieten – den Produktionsaufwand für die Maschine nicht gerechnet. Aber wie umweltbelastend ist die Reinigungschemie ?   Bei der Waschmaschine denke ich dagegen nicht mehr nach: Sie ist  –  jedenfalls sozial – zukunftsfähig, Handwäsche wirklich keine Alternative. Ich befülle sie mit  „Kochwäsche“ , stelle sie auf 60 Grad ein und nehme mir vor, sie  wegen der nächtlichen „Schwachlastzeit“ erst vor dem Zubettgehen „abzuschicken“.  Das vergesse ich dann prompt. Denn ich suche einmal systematisch nach den stand-by-Sündern, die ohne Leistung Strom verbrauchen: TV, Stereo-Anlage,  Stehlampe, Computer, Modem, Mikrowelle usw. Es sind ein Dutzend – zusätzlich zu denen, die angeschaltet bleiben müssen wie Kühlschrank, (nacht-abgesenkte) Heizung und – eben mein Wecker !

Und das Fazit ?
1. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
2. Man macht es uns Verbrauchern nicht gerade leicht, uns zukunftsfähig zu verhalten.
3. Ein  Tag sagt wenig aus: Anschaffungen (Auto, Wohnung, Geräte usw.) bestimmen den Tagesverbrauch weitgehend vor – aber:
4. „Kleinvieh macht auch Mist“ – ein bisschen zukunftsbewusster jeden Tag,  das summiert sich – und könnte ja auch zur Gewohnheit werden.  Und ich würde trotzdem nicht zum Asketen.

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